Workshop: Potsdam Postkolonial Audioguide

Am 30.11.2019 haben wir einen Workshop in Räumlichkeiten der Universität Potsdam veranstaltet, um in einer kleinen Gruppe den Inhalt für einen kolonial- und migrationshistorischen Audioguide für Potsdam zu diskutieren.  Zu diesem Zweck haben Teilnehmende kleine Impulsvorträge mitgebracht, die jeweils einen für den Audioguide relevanten Aspekt – einen Ort, Gegenstand oder eine Person – vorstellten. In den Diskussionen zu den Vorträgen haben wir gemeinsam die wichtigsten inhaltlichen Stichpunkte gesammelt, Lernziele besprochen und weitere Ideen und Kommentare festgehalten.

Mnyaka Sururu Mboro, co-founder of Berlin Postkolonial , speaks about German colonial endeavors in the Kilimanjaro region

Mnyaka Sururu Mboro, einer der Gründer von Berlin Postkolonial, spricht über den deutschen Kolonialismus und die Kilimandscharoregion

Der Workshop begann mit der kuriosen Geschichte wie die Spitze des Kilimandscharos ins Neue Palais gelang. Im Jahr 1890 schenkte der begeisterte Bergsteiger Hans Meyer einen Stein vom Gipfel des Kilimandscharo dem deutschen Kaiser Wilhelm II. als Symbol der deutschen Herrschaft über Ost Afrika. Der Stein (oder zumindest ein Ersatzstein) wird immer noch im Neuen Palais in Potsdam ausgestellt. Der tansanische Aktivist Mnyaka Sururu Mboro, einer der Gründer von Berlin Postkolonial e.V., verband in seinem Vortrag diese Geschichte mit seiner eigenen Kindheit in der Kilimandscharoregion.  Mboros Lehrer lehrten in der Schule Geschichte aus eurozentrischer Perspektive, nämlich, dass der Kilimandscharo 1948 von dem deutschen Johannes Rebmann entdeckt wurde. Mboro vertritt heute die Position, dass diese Geschichte einer kritischen Revision bedarf und die tansanische Perspektive in ihren Erzählungen mit einbezogen werden sollte. Genauso sollte Hans Meyers Bergexpedition im Kontext kolonialer Gewalt verstanden werden: Karl Peters, auch bekannt als Hängepeters, war zu der Zeit Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet und unterdrückte die lokalen Chaga auf brutalste Weise.

Stephan Theilig sprach über Zwangskonversionen von türkischen, afrikanischen und arabischen Menschen in Brandenburg, von denen viele im 17./18. Jahrhundert als Kriegsbeute mitgenommen wurden. Durch die ritualisierten Taufen sollten die „wilden Heiden“ zu „guten Christen“ werden. Oft wurden Berliner und Brandenburger Adelige Paten der Getauften. Paradoxerweise waren ebendiese Adeligen teilweise gleichzeitig involviert in den transatlantischen Sklavenhandel. Mit den Taufen erhielten die meist unfreiwillig eingewanderten Menschen den Namen ihrer jeweiligen Taufpaten, sie wurden z.B. zu Friedrich oder Wilhelm. Diese Umbenennung, die ebenfalls eine Streichung der alten Identität ist, macht es heutzutage fast unmöglich die Biographien dieser Menschen nachzuvollziehen. Direkt verknüpft mit dieser Geschichte ist das Potsdamer Militärwaisenhaus, das auch als Musikschule für die Musikkappelle des Hofes diente, in der viele der Zugezogenen arbeiten mussten.

Im direkten Zusammenhang mit dem weißen Überlegenheitsdenken des 17./18. Jahrhunderts stand Lillian Dam Bracias Vortrag. Sie thematisierte das holländische Sinterklaas Fest in Potsdam und fragte, wer eigentlich heutzutage in Potsdam willkommen ist. Bei dem Fest taucht sowohl in den Niederlanden, als auch in Potsdam immer noch die kontroverse Figur des Zwarte Piet auf. Dabei handelt es sich um weiße Menschen in Blackface. Die Tradition der Sinterklaas Feier entspringt der niederländischen Kolonialzeit. Diese Verbindungen ignorierend, lauten Argumente, um am Blackfacing festzuhalten, es sei „unsere Kultur“ und ein „Kinderfest“ – sie drücken eindeutig einen Ausschluss von und Gefühllosigkeit für nicht-weißen Menschen aus. (Über das Fest haben wir in den letzten Jahren einige Beiträge veröffentlicht: hier und hier)

Workshop Participants discussing Potsdam's colonial entanglements

Teilnehmende des Workshops sprechen über Potsdams koloniale Verbindungen

Elisabeth Nechutnys sprach über frühe chinesische Präsenz in Potsdam, konkret über die Leben von Fung Asseng und Fung Ahok. Über Umwege gelangten beide zunächst nach Berlin und wurden gegen Bezahlung vom Waffelbäcker und Schausteller Heinrich Lasthausen ausgestellt. Doch Heinrich Heine stellte fest, sie könnten auch Österreicher in Verkleidung sein – was heißen soll, sie wirkten nicht exotisch genug. Daraufhin arbeiteten Fung Asseng und Fung Ahok für einige Jahre in Halle und trugen zur Etablierung der Sinologie in Deutschland bei. 1825 entschied der preußische König, dass die beiden in Potsdam als Gärtner ausgebildet werden sollten. Die Leben dieser beiden erlauben einen Einblick in die Verbindung von Kolonialismus, Handel, Migration und Rassen Anthropologie.

Fabienne Imlingers Vortrag ermunterte uns Eurozentrismus zu hinterfragen, indem sie über die Zitadelle Sans-Souci in Milot in Haiti sprach und deutlich machte, dass eine Verbindung zum Schloss Sanssouci in Potsdam erst nachträglich hergestellt wurde, obwohl die Schlösser sich gar nicht ähneln. Sans-Souci in Milot entstand im Auftrag von Henry Christophe, der zunächst eine wichtige Rolle im haitianischen Unabhängigkeitskampf spielte, sich aber später zu einem brutalen Monarchen erhob. Imlingers Beitrag bietet die Möglichkeit über die haitianische Revolution zu sprechen, über Selbstbestimmung und Leerstellen in der Geschichtsschreibung.

Naomie Gramlich brachte den Fokus zurück nach Potsdam. Gramlich sprach über koloniale Geschichten des Potsdamer botanischen Gartens und verdeutlichte den Widerspruch, den die Praxis des Sammelns und Klassifizierens mit sich bringt: Einerseits sicherten koloniale Sammler*innen den Bestand und interessierten sich für Biodiversität, andererseits vernichteten sie Vieles von dem, was sie im globalen Süden fanden. Des Weiteren erlaubt die Betrachtung des botanischen Gartens in Potsdam einen Blick auf die Verstrickung von kolonialen Handelswegen mit der Wissenschaft. (Naomie Gramlich und Lydia Kray haben bereits zwei Gastbeiträge auf unserem Blog zum botanischen Garten veröffentlicht: hier und hier)

Christoph Wunnicke sprach über afrikanische Verbindungen in Potsdam und Umgebung mit Bezug auf Wissenschaft, Kunst und Militär. Dabei lag sein Augenmerk besonders auf der neueren deutschen Geschichte. Z.B. findet sich in der St. Antonius Kirche in Potsdam ein Gemälde von Heiligen, die asiatische und afrikanische Gesichtszüge haben – ein subtiles Zeichen des Protests gegen die nationalsozialistische Rassenideologie. Im Gegensatz dazu waren die Babelsberger Filmstudios involviert in der Produktion von Kolonialpropagana und exotisierenden Bildern von Afrika.

Members of Postcolonial Potsdam

Mitglieder von Potsdam Postkolonial freuen sich über den erfolgreichen Workshop

Mithilfe dieser kurzen Inputs diskutierten alle Teilnehmenden, Mitglieder von Postcolonial Potsdam (Anna von Rath, Yann Le Gall, Kaja Schröter und Elisabeth Nechutnys), sowie Nouria Asfaha von EOTO e.V. als kritische Fragenstellerin die roten Fäden für den Audioguide, sowie mögliche Formate. Nun gilt es diese Geschichten und kolonialen Verwicklungen so aufzubereiten, dass sie einer breiten Öffentlichkeit über eine App zugänglich gemacht werden können.

Credits // Author: Anna von Rath

Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit der Research Training Group Minor Cosmopolitanisms der Universität Potsdam statt, sowie mit freundlicher Unterstützung von Altomayo Kaffee und Junges Engagement Berlin Brandenburg (Engagement Global)

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