Botanische Gärten post/kolonial gedacht (Teil 1)

Dies ist ein Gastbeitrag von Naomie Gramlich und Lydia Kray.

Außenansicht des botanischen Gartens in Potsdam, von den Autor*innen fotografiert

Außenansicht des botanischen Gartens in Potsdam, von den Autor*innen fotografiert

Botanische Gärten als koloniale Orte zu verstehen, scheint besonders schwer zu fallen: zu unschuldig, zu prächtig und zu lebendig präsentieren sich ihre pflanzlichen Bewohner*innen, um in Verbindung mit kolonialer Gewalt, weißer Aneignung und hegemonialen Wissenschaftssystemen gebracht zu werden. Sich vor Augen zu führen, aus welchen Ländern, die Pflanzen stammen, und zu welcher Zeit sie nach Europa gekommen sind, verrückt die Brille, die auch wir als leidenschaftliche Besucherinnen* dieser Einrichtungen tragen. Um damit zu beginnen, die verdeckten kolonialen Schichten nachzuzeichnen, haben wir den Kustos des Potsdamer botanischen Gartens, Dr. Michael Burkart getroffen. Er gab uns einen Einblick in seine bisher nicht verschriftlichte Geschichte mit seinen kolonialen Bezügen. Dieser Text geht von diesem Gespräch aus und fragt im Anschluss daran nach den Herkünften, Bewegungen und möglichen Rückgaben der Pflanzen. Wir wollen die aktuelle Debatte um die Restitution von afrikanischen Kulturgütern zum Anlass nehmen, die Fragen um das koloniale Erbe auch für botanische Gärten zu stellen.[1]

Entstehungsgeschichte des Gartens

Der Potsdamer botanische Garten blickt zwar als Institution der Universität auf eine junge Geschichte zurück, ist aber durch seine geografische Lage im Schlosspark Sanssouci mit dessen Kolonialgeschichten verwoben. Entstanden ist er in den 1950er Jahren als Teil der Pädagogischen Hochschule Potsdams während der DDR. Sein Bestand, der heute 10.000 Arten umfasst, stammt aus dem gärtnerischen Bestand des Schlossparks aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Dieser Altbestand wurde nach 1950 durch weitere Pflanzen ergänzt, die aus den kolonialen Sammlungen anderer deutscher botanischer Gärten zusammengetragen wurden. Der informelle Austausch von Saatgut und Stecklingen unter den botanischen Einrichtungen Deutschlands ist bis heute gängige Praxis. Die Bromelien, Epiphyten, Orchideen, Kakteen und die Nutzpflanzen, Kaffee, Maniok und Yams, die heute den Hauptbestandteil der Pflanzen ausmachen, kommen aus tropischen Ländern des Globalen Südens. Mit der Gründung des Gartens in der DDR öffnete sich ein neues Kapitel der botanischen Migration: nicht nur wurden viele Pflanzen aus dem Potsdamer Altbestand nach Moskau transportiert, im Gegenzug wanderten auch Pflanzen aus sowjetischen Partnerländern wie Kuba nach Brandenburg. Über diese verschlungenen und irrwegigen Pfade der Pflanzen gibt es – soviel in Potsdam bekannt ist – kein Archiv, das über die Provenienzen (Herkünfte) Auskunft gibt. Eine Gartendatenbank gibt es erst seit ca. 20 Jahren – über die Zeit davor schweigt die Datenbank.

Aktuell gibt es einige Projekte im Bereich der Provenienzforschung, die durch genetische Studien herausfinden wollen, aus welchen Sammlungsbeständen einzelne Pflanzen stammen. Oftmals wurde bei der Erstbeschreibung nur ein Beleg in den Herbarien, den Sammlungen konservierter Pflanzen, aufbewahrt und unter der Bezeichnung „only known from the type“ registriert. Die genetische Provenienzforschung will zeigen, ob die Pflanzen z. B. der Potsdamer Einrichtung Abkömmlinge der einzigen Aufsammlung sind, um damit Aufschluss über die Migrationsbewegungen der Pflanze zu geben.

Koloniale Institution

Botanische Gärten können als organische Museen verstanden werden, deren Exponate genauso wie in ethnologischen Museen, seltene, manchmal einzigartige Artefakte aus anderen Ländern zeigen. Nur das sie im Falle des botanischen Gartens eher als Natur- denn als Kulturstätte markiert sind und unter anderem deshalb oft nicht als museale Institution verstanden werden oder sich selbst als solche verstehen. Ganz grundsätzlich sind botanische Gärten die institutionellen Erben wissenschaftlicher Fachrichtungen der Biologie und Botanik, die zur Zeit der Kolonisation entstanden sind. Entdecken, klassifizieren und verpflanzen lassen sich als Instrumente von Kolonisierungsprozessen verstehen. Nicht nur beherbergen botanische Gärten in Europa und Nordamerika tausendfach Arten aus den ehemaligen Kolonien, auch umgekehrt migrierten „verbesserte Versionen“ von Pflanzen, die durch Experimente in den botanischen Gärten entstanden sind, wieder in den Kolonien und bildeten dort oftmals den Beginn von Plantagenwirtschaft. Während durch die globale Ausbreitung des Plantagensystems der Großteil einheimischer Pflanzen ausgerottet wurde, wanderte der gesicherte Restbestand dieses botanischen Artenreichtums in die künstlichen Repräsentations- und Forschungseinrichtungen Europas, die bis heute noch als „reicher Schatz“[3] dieser Ausbeute verstanden werden.

Botanische Gärten dekolonisieren

Die Frage, die wir uns als Medien- und Kulturwissenschaftlerinnen* stellen, ist, inwiefern die koloniale Aufarbeitung des botanischen Gartens mit genetischer Aufschlüsselung und Rückgabe angemessen umgesetzt ist. Wird unter “kolonial” nicht nur die historische Epoche der deutschen Kolonialgeschichte in Afrika, China und im Pazifik von ca. 1880 bis 1919 verstanden, sondern ein koloniales Mindset von Ästhetiken, Architekturen und Wissenschaftsstilen, zeigt sich, dass ein Begriff von der Kolonialität dieser Orte in seiner Komplexität erst noch entwickelt werden muss. Das Wort “kolonial” leitet sich von dem lateinischen “colere” für “Land bebauen” ab und verweist damit bereits sprachlich auf die Vorstellung, dass angeblich kultur- und geschichtslose Gebiete und Menschen zivilisiert und kultiviert werden müssten.

Dass naturwissenschaftliche Orte Ausdruck dieses kolonialen Mindsets sind, zeigen besonders die botanische Gärten in den europäischen Metropolen, die mit dem Anspruch erbaut wurden, die ganze Welt unter einem Dach zu zeigen. So entspricht etwa die Architektur des Berliner botanischen Gartens mit seiner kontinentalen Einteilung, in der die Besucherin mit zwei Schritten von Südamerika nach Afrika wechseln kann, einem imperialen System, sich die ferne Welt in die Metropolen zu holen und dort mittels der botanischen Importe zu repräsentieren. Gerade nach dem “Verlust” der Kolonien durch den Versailler Vertrag lassen sich die botanischen Gärten in Deutschland als Ausdruck einer imperialen Aneignungsgeste verstehen. Dass die Kolonialgeschichte auf imaginativer Ebene fortgeführt wird, manifestiert sich auch architektonisch in den gläsernen Gewächshäusern, dessen Vorläufer die Bauten der Weltausstellungen sind.

Die aktuelle Debatte um Kulturgüter zeigt, dass Restitution einen ethischen Akt meint, neue kulturelle Beziehungen zu knüpfen. Dafür ist die Erarbeitung dessen, was das “koloniale” in den wissenschaftlichen Einrichtungen meint, genauso relevant wie die Erarbeitung einer neuen Sammlungs- und Ausstellungspolitik – etwas bei dem der botanische Garten in Potsdam noch am Anfang steht. Nach dem Gespräch mit Michael Burkart haben wir mehr Fragen als Antworten: Wie lassen sich im Anschluss daran die Kolonialgeschichten der Pflanzen und botanischer Wissenschaftseinrichtungen zeigen? Wie gehen wir mit den Leerstellen in den botanischen Archiven um? Wenn die post/koloniale Forschung andere Geschichten, Widerstandsgeschichten fordert, wie könnten diese für die Pflanzen und deren Migrationsbewegungen aussehen?

[1] Für ein ähnliches Anliegen siehe:  https://wissenschaftliche-sammlungen.de/de/termine/workshop-politics-natural-history-how-decolonize-natural-history-museum

[2] https://www.uni-potsdam.de/botanischer-garten/

Credits // Text: Naomie Gramlich und Lydia Kray; Photographie: Naomie Gramlich und Lydia Kray
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