Rassismus: Ein ernstzunehmender Faktor für eine Politik von Morgen

Wirtschaftliche Talfahrten, die Auswirkungen von Privatisierung und Konsumkultur, Politikverdrossenheit, wachsende Armut, erhöhtes Gewaltpotential auf der Straße und vor allem mehr Übergriffe auf Frauen, der Verfall von Familienwerten und auch von Sprache… Jetzt mal ganz ehrlich: Diese ganzen Verlustängste können nicht einfach auf die so genannte Flüchtlingskrise und verstärkte Einwanderung in Europa geschoben werden. Paul Gilroy, Professor für Amerikanistik und Anglistik am King’s College London, fragt sich wieso so viele gesellschaftliche Ängste an ‚Rasse‘ und Einwanderung als Ursprung von nationalem Leiden festgemacht werden. Oder anders gesagt, wieso diese Probleme in Zeiten größerer Zuwanderung verstärkt Rassismus und Nationalismus hervorrufen. Er folgert, dass diejenigen, die Politik machen, Rassismus als ernstzunehmenden Faktor einbeziehen müssen, um wirksam gegen die Hinwendung zu rechts orientierten Ideen und Ungerechtigkeiten vorzugehen.

Sobald Rassismus auch nur zögerlich zur Diskussion gestellt wird, folgt gleich die Furcht als ‚politisch korrekt‘ angeprangert zu werden. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass Paul Gilroy eine generelle Ablehnung dagegen beobachtet, Rassismus als aktive und dynamische politische Kraft anzuerkennen. Dabei wäre es eigentlich absolut notwendig verstärkt über Rassismus zu sprechen. In seinem Buch After Empire: Melancholia or Convivial Culture (2004) geht Paul Gilroy der Frage nach, wie sinnvoll mit dem Erbe der Kolonialzeit, zu dem der heutige Rassismus eindeutig gehört, umgegangen werden kann. Er möchte nicht nur die aktuelle Situation verreißen, sondern auch mögliche Handlungsweisen vorstellen, die maßgeblich dazu beitragen könnten eine Welt ohne rassistische Rangordnungen zu schaffen. Im Folgenden gibt es eine kurze Zusammenfassung seiner Hauptaussagen in Bezug auf Deutschland. (Er selbst beziehtsich auf Großbritannien.)

after-empire

Der Ausgangspunkt von Paul Gilroys Argumentation ist sehr simpel: In unserer Welt kamen wir noch nie drum herum mit unterschiedlichen Menschen zusammen zu leben. Unterschiede können dabei an ganz verschiedenen biologischen und/oder sozialen Eigenschaften von Menschen ausgemacht werden. Manche Menschen sind groß, andere sind klein, manche Menschen haben viel Geld, andere wenig, manche Menschen haben eine dunkle Hautfarbe, andere haben eine hellere Hautfarbe. Ganz besonders die letzten beiden Beispiele tragen zu einer gesellschaftlichen Einordnung in besser und schlechter bei, weshalb sie auch als sozio-kulturell konstruiert bezeichnet werden und eine politische Dimension erhalten. Zumindest in Europa, aber wahrscheinlich ebenfalls in vielen anderen Teilen der Welt, wird mehr Geld und eine hellere Hautfarbe als besser angesehen. Durch die Wertung von Unterschieden, können auch Ängste vor ihnen entstehen – oder sie werden sogar mit Hilfe von Geschichten, Nachrichten und der Politik der Regierungen geschürt.

Es scheint ein besonders wichtiger Punkt zu sein, dass Regierungen ihre Finger im Spiel haben und die Welt überhaupt in Nationalstaaten eingeteilt ist. In seinem Buch stellt Paul Gilroy fest, dass es auf Grund von existierenden Grenzen zwischen Staaten zwei übliche Wege gibt, wie mit Unterschieden umgegangen wird:

1.) Innerhalb staatlicher Grenzen sollen sich alle Neuankömmlinge an das Bestehende anpassen. Das wird durch staatliche Maßnahmen unterstützt und heißt, was immer als z.B. deutsch verstanden wird, gilt dann für alle die nach Deutschland ziehen. Deutsch ist die Sprache, die gesprochen werden muss. Aber es gibt auch bestimmte Traditionen, die zum Deutsch-Sein gehören (vielleicht Weihnachten mit Rotkohl und Klößen, das Begrüßen mit Händeschütteln oder Tatort gucken am Sonntag). Diese erste Option mit Unterschieden umzugehen, zieht also auf eine Vereinheitlichung innerhalb Deutschlands ab – oder eben jedes anderen Landes.

2.) Solidarität und Verbundenheit geht über staatliche Grenzen hinaus, auf Grund von einer gleichen politischen Gesinnung oder (vermeintlich) ähnlichen Erfahrungen. Dieser Weg wird meist von nicht staatlichen Gruppen eingeschlagen und es wird eigentlich eher nach Gleichheit geschaut. Zum Beispiel bauen verschiedene feministische Bewegungen auf grenzüberschreitende Solidarität und versuchen sich für die Rechte aller Frauen weltweit einzusetzen.

Beide Ansätze – nationale Vereinheitlichung und transnationale Solidarität – sind in der Form nicht erstrebenswert und sowieso unerreichbare Utopien sind. Grund für ihre Unzulänglichkeit ist die bisherige Missachtung der Kolonialgeschichte und des damit zusammenhängenden und immer noch bestehenden Rassismus.

Während des Kolonialismus haben z.B. weiße Deutsche Schwarze Menschen vom afrikanischen Kontinent nach Deutschland verschleppt, um sie zu Hofdiener_innen oder Musikant_innen zu machen oder sie zu Untersuchungszwecken zu missbrauchen. Natürlich haben diese Menschen Nachfahren, die heute noch in Deutschland leben. Es handelt sich um Schwarze Deutsche, deren Muttersprache Deutsch ist, die sich vielleicht auch mit Handschütteln begrüßen und Rotkohl und Klöße zu Weihnachten essen, aber dennoch nicht in die Idee der Vereinheitlichung passen – Geschichten, Nachrichten und Politik schreiben nämlich direkt oder indirekt zusätzlich fest, dass echte Deutsche doch nur weiße Menschen sein können. Das angebliche nicht Reinpassen nennt sich Rassismus. Zudem wird bei diesem Beispiel leicht deutlich, dass dieses Deutsch-Sein mit verschiedenem Maß gemessen wird: weiße Menschen, die sich lieber mit Küsschen begrüßen, Weihnachten Feiern allgemein blöd finden und womöglich gar kein Deutsch können, werden häufig trotzdem eher als Deutsch angesehen als Schwarze Menschen.

Bei den global interessierten Feministinnen, wurde auch zunächst nicht bedacht, dass Schwarze Frauen andere Erfahrungen machen als weiße, arme als reiche, junge als alte, etc. Deshalb haben verschiedene Frauen verschiedene Ziele und Bedürfnisse und es ist schwierig sich anhand einer einzigen Kategorie für transnationale Solidarität einzusetzen.

Es ist also ein Problem, wenn Rassismus nicht mitgedacht wird. Alle Menschen, sagt Paul Gilroy, sind nach der Logik von ‚Rassen‘ eingeteilt. Mit dem Begriff ‚Rasse‘ meint er nicht äußerliche Unterschiede von Körpern oder Farbtöne von Haut. Für ihn beschreibt ‚Rasse‘ ein entpersonalisiertes, diskursives Arrangement, das das brutale Ergebnis einer rassenorientierten Ordnung der Welt ist, die mit der Kolonialzeit begann. Auch wenn sich Rassismus seit dem Kolonialismus geändert hat, besteht weiterhin eine ‚Rassen‘-Logik. Paul Gilroy betont, dass ‚Rassen‘ nicht der Ursprung für diese fortwährende Welteinteilung waren, sondern die Folge. Die Folge des ‚Rassen‘-Denkens ist eine Belastung für einzelne Menschen, für Verfassungen von Nationalstaaten und die Demokratie.

Paul Gilroy ist auf der Suche nach einem anti-rassistischem Programm, das mehr kann als negative Momente zu benennen und einfach nur unsere Gegenwart kritisiert und entzaubert. Er sucht nach Ideen für ein anti-rassistisches Programm, das kreative Möglichkeiten für eine bessere Zukunft heraufbeschwören kann, in die es sich lohnt Hoffnung zu stecken. Ziel sollte es sein, sich politische, wirtschaftliche und soziale Systeme auszudenken, in denen ‚Rasse‘ einfach keinen Sinn mehr macht. Das heißt, es geht nicht darum, dass Einzelne sagen „Ich sehe ‚Rasse‘ gar nicht‘“, sondern um Strukturen (die aber natürlich von Einzelnen ausgeführt werden). Zusammengefasst verlangt Paul Gilroy Folgendes:

1.) Rassismus muss ein ernstzunehmender Faktor in der Politikgestaltung werden.

Die Welt kann ihrem aktuellen rassistischen Zustand nicht durch etwas mehr Wohlwollen füreinander entkommen, ‚Rasse‘ (und somit Rassismus) muss vollständig in die Modalitäten der Politik aufgenommen werden.

2.) Um Rassismus als ernstzunehmenden Faktor in der Politikgestaltung verwenden zu können, muss es als historisch gewachsenes, fortwährendes Problem betrachtet werden.

Beim Auftreten von Rassismus handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um teilweise gesetzlich verankerte Traditionen, die einfach bisher noch nicht genug hinterfragt wurden. Deshalb kann es nicht isoliert als gegenwärtiges Problem angesehen werden. Es ist dringend notwendig die Geschichte, Hintergründe und Beständigkeit von Rassismus zu untersuchen und daraus Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Es muss deutlich werden, wann und wie Rassismus Träume von echter Demokratie und glaubwürdiger Gerechtigkeit berührt und verändert (hat). Das bedeutet, dass die Geschichtswissenschaftler_innen, die sich mit Europas verdrängter und verleugneter Schwarzen Geschichte befassen, bereit sein müssen, das Gleiche immer und immer wieder zu erzählen. Außerdem müssen alle mutig genug sein zuzuhören und aus dem Gehörten Konsequenzen ziehen. Erst durch die Aufarbeitung können klar benennbare Schritte entstehen.

3.) Eine Politik, die Rassismus als ernst zu nehmenden Faktor einbezieht, verlangt einen verantwortungsbewussten Umgang mit Schuld, z.B. in Form von Reparationen.

Bisher besteht ein größeres, kulturelles Problem, nämlich dass gerne die Schuld am Kolonialismus den Opfern zugeschoben wird. Auf diese Weise können die früheren Kolonialmächte sich sogar das Leid der anderen zu Eigen machen, was ihnen direkte politische und psychologische Vorteile verschafft. Wenn Kolonialismus nicht als eigene Schuld verstanden wird, kann er z.B. als Unglück, als Versehen oder als teilweise sogar gut betrachtet werden. (Im Sinne von: „ ‚wir‘ haben ‚denen‘ doch Infrastruktur gebracht“.) Wenn von offizieller Seite keine klaren Zeichen gesetzt werden, entsteht Raum für einen zerstörerischen Hunger nach erneuter Größe. (Beängstigende Auswüchse von nostalgischen Wünschen nach vergangener Größe sind u.a. der Brexit und der Erfolg von Donald Trump.)

4.) Eine Politik, die für sich beansprucht, Gerechtigkeit zu schaffen, kann nicht von Melancholie geleitet sein.

Es kann schmerzhaft sein, den Kolonialismus und die damit verbundene Schuld aufzuarbeiten. Es reicht nämlich nicht, vergangenen Rassismus zu verurteilen. Neu auftretende Formen, die gerne auch mit der Idee von kulturellen Unterschieden verschleiert werden, müssen genauso deutlich angeprangert werden. Konkret heißt das, dass mit allen Mitteln gegen den Mythos vorgegangen werden muss, dass verschiedene ‚Kulturen‘, ‚Rassen‘ oder wie auch immer es genannt wird, sich nicht mischen sollten, sie nicht vereinbar sind oder so etwas sogar Werte zerstören könnte. Der melancholische Impuls an Altem oder sogenannter ‚Reinheit‘ festzuhalten, sollte durch politische Intervention verschwinden.

5.) Eine gerechtere Politik sollte im Sinne der Gastfreundschaft agieren.

Es ist nötig politische Diskussionen über Staatsbürgerschaft, Zugehörigkeit und Nationalität weiter zu treiben und nicht bei dem dualen Rezept von Assimilation und Einwanderungskontrolle stehen zu bleiben. Die Landessprache zu lernen hilft nur begrenzt, um sich irgendwo zu Hause fühlen zu können. Eine gerechtere Politik sollte also gastfreundliche Maßnahmen neben einem freiwilligen Sprachkurs in der Landessprache etablieren.

6.) Eine gerechtere Politik sorgt dafür, dass die Faszination für den Begriff ‚Migrationshintergrund‘ in die Vergangenheit befördert wird.

Rund um Migration ranken sich Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstbestimmung. So kann eine Zukunft geschaffen werden, in der Schwarze Europäer_innen und Europäer_innen of Color nicht mehr als Migrant_innen, sondern als Teil von Europa gesehen werden. Migration sollte nicht als vorgeschobene Ursache für die Konflikte in der europäischen politischen Ordnung, Wirtschaft und kulturellen Zusammensetzung dienen. Wenn überhaupt irgendein Konzept diesen Vorrangplatz in der Geschichte der europäischen Zuwanderung im 21. Jahrhundert haben sollte, dann ist es Rassismus und nicht Migration. Rassismus gab es schon bevor die ersten Migrant_innen in Europa ankamen und Rassismus machte ihre Ankunft zum Problem, nicht die Migration selbst.

Paul Gilroy stellt fest, dass Unterschiede auf Grund von erfundenen ‚Rassen‘ nicht selbstverständliche, unveränderbare Fakten des politischen Lebens sind. Durch die Anerkennung von Seiten der Politik, dass Rassismus ein gesellschaftlich ausschlaggebenden Faktor (und keine Lifestyle Option) ist, kann nicht nur mit Ängsten umgegangen werden, sondern auch für mehr Gerechtigkeit und ein angenehmeres Miteinander gesorgt werden.

Credits // Autorin: Anna von Rath
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