„Ich wünsche mir eine Achmed-Straße in Potsdam“

Ein Interview mit SchwarzRund

Wer bist du?

schwarzrund

Ich bin SchwarzRund, mittlerweile ist das ganz offiziell mein Künstlerinnen*name. Es begann als Blog Name, mittlerweile veröffentliche ich alles Künstlerische und Wissenschaftliche darunter.

Ich bin eine Schwarze Dominikaner*in in Deutschland mit beiden Pässen, welche in verschiedenen Bereichen arbeitet. Storytelling und Poem/Performancetexte sind das Herz meiner Arbeit, aber auch Malen, Geschichten schreiben und Online-Ranting sind mir total wichtig, in meinem Aktivismus, aber auch mir selbst zu liebe.


Womit beschäftigst du dich im Alltag?

Eigentlich 24/7 mit Machtdynamiken, früher mit einem sehr defizitären Blick (den ich noch immer wichtig & super finde), mittlerweile viel mit der Schönheit und Einzigartigkeit, die aus dem Schmerz der Unterdrückten entsteht. Die Widerständigkeit in der Kunst zu finden, zu suchen und selbst zu verankern ist, was mich in der Uni, in journalistischen Aufträgen und meinem Blog und Roman beschäftigt. Der Begriff von Christiane Hutson ‚mehrdimensionale Verletzbarkeit‘ hat diesen Wandel sehr bestimmt. Ich möchte weniger erklären und beibringen und mehr zelebrieren und betrachten.

Du hast einen afropolitanen Berlin Roman mit dem Titel Biskaya geschrieben. Worum geht’s?

Es geht um die fünfdreißig-jährige Musikerin Tue, sie ist Schwarze Deutsche und lebt in Berlin. Sie lebt in einer queeren WG, in der es zu einem Selbstmord kommt, danach stürzt sie in eine Krise, landet in der Psychatrie. Dies und neue Erkenntnisse über ihre eigene Diaspora und Familiengeschichte verändern ihre Ziele, sie sucht nach einer neuen Sprache für ihre Kunst, lebt und überlebt die Schwierigkeiten als Schwarze Person in einem weißen Land zu überleben. Es geht um Revolutionen, Widerstand, Musikbusiness, queere Szenen und die passionierte Liebe zu Süßkartoffeln.

Warum nennst du den Roman afropolitan?

Er könnte genauso gut queer, neurodivers, verrückt, Diaspora oder Schwarz als benanntes Hauptthema haben, alles ist immer zur gleichen Zeit gleich wichtig. Für afropolitan habe ich mich am Ende entschieden, weil mein afropolitaner Blick eben all dies ist, es ist also mein afropolitan. *lacht*
Der Roman spielt halt in der Hauptsache in Berlin, er bezieht sich auf die fiktive Schwarze europäische Insel Biskaya und dort liegt auch die Hauptstadt Amo (nach Anton Wilhelm Amo benannt). Auch Potsdam spielt eine wichtige Rolle …

Welche Rolle spielt Potsdam in dem Roman?

Eine der Schlüsselszenen des Romanabschlusses findet dort statt. Ich möchte nicht zu viel spoilern … eines der Themen von Tue ist die Frage, woher ihr Schwarzsein kommt, innerhalb des Romans erfährt sie, dass sie mit Achmed verwandt ist. Achmed gab es wirklich, er ist der erste Schwarze Mensch in Deutschland, von dem wir Namen und Darstellung kennen. Er wurde wie viele Hof-M verschleppt, in seinem Fall vom Prinzen Carl Alexander von Preußen, in jungen Jahren. Ob der Name, den seine Eltern ihm gaben, wirklich Achmed war, ist nicht bekannt, bekannt ist aber, dass er vor allem auch im Schloss am Griebnitzsee, im Schloss Glienicke, gelebt hat. Dort war er neben goldenen Löwen und mitgebrachten Reliquien anderer Kulturen, die der Prinz bereiste, nur ein weiteres exotisiertes Mitbringsel. Bis heute ist das menschlichste Bild, das ihn darstellt, nur dort sichtbar. Es kostet bis heute recht viel Eintritt Achmed zu sehen. Eine Kontinuität die mich berührt – auf die ungute Art. Deswegen beschließen zwei Protagonisten des Romans Achmed zur Hilfe zu eilen – sie haben den Mut der mir fehlt. *lacht*

Potsdam und die Kultur des Verschleppens Schwarzer Menschen steht aber auch eben für die Entwurzelung, die weiße Menschen bis heute auslösen, es gibt viele Schwarze Kinder in Deutschland, die nicht wissen, woher sie adoptiert wurden, entweder weil Agenturen dies gar nicht oder nur grob weiter geben oder weil die Eltern (leiblich oder adoptiv) dies nicht weitergeben wollen. Das ganze steht auch im übergeordneten Sinne für die Gate Islands, bei denen nicht klar ist, woher die Versklavten kamen, wie die Dominikanische Republik oder Porto Verde. Also für eine Diaspora, die sich aus den übriggebliebenen Fetzen von Verortung, den kolonialen Bildern der weißen Umgebung und den wenigen Hinweisen der Vergangenheit eine Identität basteln müssen, weil die weißen Gesellschaften sie ständig an dieses „andere“ knüpfen durch Ausgrenzungsprozesse.

Potsdam ist als Ort auch sehr geeignet, weil ich hier mit die schlimmsten Rassismuserfahrungen meines erwachsenen Lebens gemacht habe. Potsdams Glorifizierung der Preußenzeit stößt mir nicht nur aus stadtplanerischer, künstlerischer und linker Überzeugung auf, sondern vor allem aus Schwarzer Perspektive.

Was wünscht du dir für unsere Gesellschaft?

Ich wünschte mir eine Achmed-Straße in Potsdam, statt des Wiederaufbaus des nächsten gruseligen Monuments vergangener weißer Herrschaft. Statt eines May-Ayim-Ufers, eine ganze Allee und die Reflektion Schwarzer Geschichte in den Schul- und Unibüchern. Ich wünsche mir eine Politik, die koloniale Schuld anerkennt und dementsprechend Reparationen leistet und Flüchtende Menschen nicht nur aufnimmt, sondern fest im Grundgesetz verankert als Bestandteil der BRD. Ich wünsche mir Curricula an den Universitäten, die die Dozierenden in die Verantwortung ziehen am Puls der Zeit zu bleiben und Forschungsvorannahmen hinterfragt als Teil jedes Studienganges.

Erst wenn es zu einem Anerkennen des rassistischen normal(isierten) Zustandes kommt, kann es auch zu Reparationen kommen, zu einer Entzerrung der sogenannten Entwicklungshilfestrukturen, die weniger geben als sie bis heute aus den Ländern saugen.

Letztendlich ist ein dekolonialer Anspruch für mich immer auch ein antikapitalistischer, antisexistischer, queerer und ableismus-kritischer Blick, weil all dies einander begünstigt um Machtstrukturen zu erhalten.

Credits // Interviewee: SchwarzRund; Interviewer: Anna von Rath. Photo: Ina Müller aus der Reihe PLUS
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