Political Correctness und der Deutsche Hochschulverband

Dies ist ein Gastbeitrag von Lars Eckstein, Professor für Anglophone Literaturen und Kulturen außerhalb der USA und GB an der Universtität Potsdam. In dem Text wird zu Erklärungszwecken diskriminierende Sprache reproduziert. Wir distanzieren uns von der Verwendung dieser Wörter, möchten aber verdeutlichen worum es in einer Debatte um Political Correctness geht: Es geht nicht um Denk- oder Sprechverbote, sondern um die Verdeutlichung, dass jedes Wort, das wir benutzen, bewusst oder unbewusst eine politische Entscheidung ist (es gibt nämlich Auswahlmöglichkeiten). Das Ausmaß der Verletzungen, die bestimmte Begriffe und Bilder hervorrufen, und ihr geschichtlicher Hintergrund werden im Folgenden explizit erläutert.

Darf man dazu ‚Negerkuss‘ sagen? Oder ‚Mohrenkopf‘, so wie meine Mutti gesagt hat, und so wie meine Freunde auch immer noch sagen, und die meinen das ja nicht so? Oder muss ich dazu, weil ich Hochschullehrer bin, ‚Schaumkuss‘ sagen? Diese Frage wirft das Cover der April-Ausgabe der Zeitschrift Forschung & Lehre vordergründing auf, Hochglanzorgan des Deutschen Hochschulverbands, das jeden Monat seinen 28.000 organisierten Mitgliedern ungefragt zugestellt wird. Auch mir, jedenfalls noch bis Ende des Jahres, denn erst dann greift meine letzte Woche ausgesprochene Kündigung. Vor weißem Hintergrund prangt ein überdimensionierter Schaumkuss, darunter in schwarzen Lettern das Schwerpunktthema des Hefts, „Political Correctness“. In den sich hinter der Titelseite verbergenden Beiträgen befassen sich fünf Kollegen und eine Kollegin (alle weiß, so wie ich) natürlich nicht mit Süßigkeiten, sondern damit, ob man an Universitäten „Neger, Mädel, Schwuli“ sagen dürfen soll. Weniger als die Auswahl und die Argumente der Beiträger interessiert mich aber das Cover selbst, das ganz ohne Zweifel in die redaktionelle Verantwortung desjenigen Verbands fällt, der für sich in Anspruch nimmt, die Elite der deutschen Wissenschaften nach außen zu repräsentieren.

Ich mochte Schaumküsse noch nie besonders, ich fand sie schon immer zu süß und zu klebrig. In meiner Kindheit waren sie aber ständig gegenwärtig, vor allem in der Schule. In Zeiten als es noch keine Schulmensen gab, kauften sich die meisten meiner Klassenkameraden regelmäßig beim Kiosk um die Ecke einen ‚Mohrendatsch‘ zu Mittag. ‚Mohrendatsch‘, das war ein ‚Mohrenkopf‘, der zwischen zwei blassen Milchbrötchenhälften platt gemacht wurde. Ich dachte mir damals nicht viel dabei, und ich brachte den ‚Mohrenkopf‘ im ‚Mohrendatsch‘ auch nicht wirklich in Verbindung mit meinen wenigen schwarzen Mitschülerinnen. Heute weiß ich zumindest von einigen, dass es ihnen damals anders ging.

Heute ist es mir auch nicht mehr möglich, in der Abbildung auf dem Cover keinen Menschen zu sehen, keine minimalistische Karikatur eines Kopfs. Ich halte die Übertragungsleistung von der Bezeichnung ‚Mohrenkopf‘, mit der ich aufwuchs, hin zu dieser Wahrnehmung für eher gering, aber sie mag natürlich damit zu tun haben, dass ich, wie einer der Beiträger zum Thema schreibt, die „latent ideologieanfälligen Geistes- und Sozialwissenschaften“ vertrete, die es oft genug versäumen, „am heuristischen Ziel der Werturteilsfreiheit mit Nachdruck festzuhalten“. Nach dieser Maxime ist ein ‚Negerkuss‘ vermutlich ein ‚Mohrenkopf‘ ist ein Schaumkuss. Dennoch: Ich sehe nicht das Ding an sich, auch nicht nur ein Symbol, ich sehe ein – sprechen wir es aus – rassistisches Ikon, ich sehe einen schwarzen Menschen. Mich fragt das Cover, darf ich zu dem Kopf ‚Mohr‘ sagen? Oder ‚Neger‘, so wie mein Opa gesagt hat, und so wie meine Freunde auch immer noch sagen, und die meinen das ja nicht so? Oder muss ich dazu, weil ich Hochschullehrer bin, ‚Schwarzer‘ sagen?

Schlimmer noch, es gelingt mir nicht, das ausgestellte rassistische Ikon auf dem Cover der Hauszeitschrift des Deutschen Hochschulverbands von dem Eindruck anderer Köpfe zu trennen, die zuvor in der Geschichte der Wissenschaften ausgestellt wurden. Von Angelo Soliman, zum Beispiel, einem der ersten deutschsprachigen Akademiker mit afrikanischen Wurzeln, Freimaurer und Prinzenerzieher. Soliman wurde nach seinem Tod 1796 gegen den Protest seiner Tochter präpariert, ausgestopft und bis 1806 im kaiserlichen Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, dem Vorgänger des Naturhistorischen Museums in Wien. In Berlin, der Stadt in der ich lebe, liegen etwa 10.000 Köpfe überwiegend von Menschen, die gemeinhin als ‚Mohren‘ oder ‚Neger‘ gehandelt wurden, in Pappkartons, mehr als 4.500 davon in der Rudolf-Virchow-Sammlung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Zusammengetragen wurden diese Köpfe in europäischen Kolonien seit etwa 1870; sie wurden von Schlachtfeldern, aus Gefangenenlagern, Grabstätten entwendet, von Körpern getrennt, ausgekocht, das verbliebene Fleisch mit Scherben abgeschabt, üblicherweise von kolonialen Bediensteten. An deutschen Universitäten versuchten Hochschullehrer mittels ihrer massenhaften Vermessung zu entscheiden, ob die Menschheit, wie Darwin und andere behaupteten, einen gemeinsamen Ursprung habe, oder, wie etwa Gobineau meinte, von drei verschiedenen ‚Ur-Rassen‘ abstamme, einer überlegenen ‚arischen‘ und zwei unterlegenen, die eine ‚gelb‘, die andere ‚schwarz‘. Dem werturteilsfreien Wissenschaftler ist die Rudolf-Virchow-Sammlung bis heute für eine Gebühr von 40 € pro Tag (ermäßigt 20) zu Forschungszwecken zugänglich. Und noch andere Köpfe verfolgen mich: beispielsweise Photographien abgetrennter Köpfe von Nama-Männern und -Frauen aus dem Privatkabinett Eugen Fischers, entstanden 1906 in Konzentrationslagern im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Fischer forschte dort 1908 zur „Bastardisierung“ zwischen Europäern und Afrikanern und begründete damit seine Lehre der ‚Rassenhygiene‘. Als NSDAP-Mitglied befürwortete er später die Rassengesetzte der Nazis und wurde zum ideologischen Wegbereiter des Holocaust.

Klar, das ist jetzt humorlos, vom Schaumkuss zum Holocaust, und womöglich nicht politisch korrekt. Ein Studierender meiner Fakultät, die seit kurzem ein Institut für Jüdische Theologie einschließt, wurde gerade erst mit einigem medialen Aufsehen aus der Rabbiner-Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam ausgeschlossen, weil er dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Rassismus vorwarf. Der bezeichnete die Integration geflohener Muslime in Deutschland als ein weniger religiöses als „ethnisches Problem“ und forderte eine Obergrenze für Flüchtlinge. Nicht unähnlich aus ordoliberaler Perspektive sieht das der vom Deutschen Hochschulverband aktuell gekürte ‚Hochschullehrer des Jahres‘, Hans-Werner Sinn. Vom Verbandspräsidenten gewürdigt als „Wissenschaftler, der allein der Rationalität verpflichtet ist und politischen Opportunismus nicht kennt“, diagnostiziert Sinn eine „neue Völkerwanderung“ aus asiatischen und afrikanischen Ländern und tritt mit Nachdruck für militarisierte Grenzzäune um den Schengen-Raum ein. In einem Interview mit dem Preisträger, direkt im Anschluss an die Political Correctness-Sektion in Forschung & Lehre abgedruckt, darf dieser abschließend zum Thema urteilen: „Wissenschaft ist nicht politisch korrekt, denn sie sucht die Wahrheit. … Die politische Korrektheit ist Gift für die Wissenschaft und Gift für die freie Gesellschaft. Ich kann ihr nichts Gutes abgewinnen, auch nicht in Maßen“.

Ich selbst kann dem Begriff der ‚Wahrheit‘ in den Wissenschaften nichts Gutes abgewinnen, auch nicht in Maßen. Ich halte es da eher mit Foucault, für den Wahrheiten unweigerlich eine Funktion von Institutionen und Machtinteressen sind. Dass sich in den europäischen Wissenschaften die ‚Wahrheiten‘ über schwarze Menschen in den letzten 400 Jahren mehrfach verschoben haben, werden vermutlich weder Sinn noch der Hochschulverband bestreiten wollen.

Vielleicht ist das ja dann doch die tiefergehende Intention des Covers? Ist der überdimensionierte ‚Mohrenkopf‘ Satire, die ja im Dienste der Freiheit politische Korrektheit in den Wind schlagen muss um den Mächtigen einen Spiegel vorzuhalten? Nun, der Hochschulverband ist nicht die Titanic, aber selbst wenn er es wäre: Am gegenwärtigen Konsens um die gesellschaftliche Wichtigkeit von Satire ärgert mich, dass sie als per se subversiv gehandelt wird. Satire war unter dem Deckmantel der Transgression schon immer eine der konservativsten Gattungen der Kunstgeschichte. Entscheidend ist, wer den Spiegel in der Hand hat, und wem er vorgehalten wird. Ich will und kann nicht für nicht-weiße Mitglieder des Hochschulverbands sprechen, aber ich frage mich schon, was die Kolleginnen und Kollegen sehen sollen, wenn sie das Heft vor der Nase haben, warum das den Verantwortlichen offensichtlich egal ist, und welche Politik sie damit verfolgen. Der gezielte Tabubruch scheint auch beim Deutschen Hochschulverband wieder salonfähig. Auf die Mitgliedschaft derer, denen es nicht egal ist, scheint er verzichten zu können.

Credits // Author: Lars Eckstein
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