Kolonialismus im Widerhall der Geschichte

Der folgende Text entstand als Beitrag zur Podiumsdiskussion um Zwarte Piet und Diskriminierung & Rassismus, die am 9.12.2015 im Potsdamer T-Werk stattfand und soll über Hintergründe der brandenburgisch-preußischen Kolonialbestrebungen und deren Widerhall im Laufe der Geschichte informieren.

Die brandenburg-preußische Kolonialgeschichte gilt im Allgemeinen als nicht herausragend erwähnenswert, da die Unternehmungen sehr schnell scheiterten und ein finanzielles Desaster darstellten. Darüberhinaus ist Kolonialismus für viele untrennbar mit dem 18. und 19. Jh und der Geschichte der nationalstaatlichen Imperien Großbritanniens und Frankreichs verbunden. Die Geschichte der Kolonie Großfriedrichsburg ist dennoch unbedingt zu betrachten, da hier Verknüpfungen mit anderen europäischen Kolonialmächten, die Ausbeutung der örtlichen Bevölkerung und kolonial-wirtschaftliche Interessen quasi exemplarisch sichtbar werden.

Großfriedrichsburg existiert zwischen 1682 und 1717, als Vorbild für die kolonialen Bestrebungen an der Küste des heutigen Ghana dienen Friedrich I vor allem die wirtschaftlichen Erfolge der Niederländer in Übersee. Nach holländischen Vorbild wird dementsprechend die Brandenburgisch Africanische Kompagnie, die erste deutsche Aktiengesellschaft, gegründet. Brandenburg hat sich mit einer Pacht der Antilleninsel St. Thomas in der Karibik den notwendigen Stützpunkt für den sogenannten Dreieckshandel gesichert. Zur Zeit des Bestehens der Kolonie werden von Großfriedrichsburg aus zwischen 10.000-30.000 Sklaven in die Amerikas verkauft, wobei ca 10% der Menschen die Verschleppung nicht überleben. Aus der Karibik werden zumeist Kakao und Tabak, aber vor allem Zucker exportiert. Dessen Nachfrage wird im Plantagensystem der europäischen Kolonialmächte generiert und gestillt.

Die Größten der Brandenburger Schiffe transportieren bis zu 800 Menschen, die in den Kellern der Großfriedrichsburg auf den Transport in die Amerikas warten. Auf 124 Handelsfahrten werden sie zwischen den Kontinenten zwangsweise verschifft. Schon für die erste Fahrt gibt der Kurfürst selbst eine Bestellung für den kurfürstlichen Hof über exotische Tiere, wie Papageien und Affen, und Schwarze Sklaven, die als Hofdiener tätig werden sollen, auf.

Nachdem die Kolonie einige Jahre erfolgreich wirtschaftet, wird in den 1690 Jahren offenbar, dass das Unternehmen nicht profitabel arbeitet. Unter dem Sohn des Kurfürsten, dem sparsamen Friedrich Wilhelm I, der sich zudem mehr auf die Binnenkolonisation des neu entstandenen Preußens konzentiert, wird die Kolonie an die Niederländer 1717/8 für 6000 Dukaten und die Versicherung 12 „Negerknaben zu stellen, von denen sechs mit goldenen Ketten geschmückt sein sollten“ (Generalstab 61) verkauft.

Über den genauen Verbleib dieser 12 und über die unzähligen anderen, die zwangsweise verschleppt werden und euphemistisch bezeichnet als Kammer- oder Hofmohren in Europa und am preußischen Hofe landen, sind mehrheitlich keine Informationen zu erlangen.

Die zumeist jungen Männer sind vor allem ein Zeichen für den wirtschaftlichen Erfolg und die Weltgewandtheit des Eigentümers und erscheinen namenlos auf einer Vielzahl zeitgenössischer Darstellungen (siehe z.B. auf den Gemälden Antoine Pesnes, die häufig Schwarze Bedienstete zeigen).

 

Unter anderem Joachim Nettelbeck versucht schon Mitte des 18. Jh Friedrich Wilhelm II, den Enkel des Kurfürsten, von einer Wiederaufnahme von Kolonialbesitz zu überzeugen. Staatliche Unternehmungen finden jedoch nicht mehr statt – nichtsdestotrotz segeln (die man heute als) Deutsche (bezeichnen würde) in alle Welt und beteiligen sich an Handel, Exploration und Ausbeutung unter den Flaggen anderer Nationen.

Nach der deutschen Staatsgründung 1871 werden die Begehrlichkeiten wieder größer, Kolonialbesitz stellt ein notwendiges Prestigeobjakt vis-a-vis den Briten dar. So verwundert es nicht, dass Großfriedrichsburg und Gedanken an die erste brandenburgische Kolonie wieder aufkommen – 1885 – dem Jahr der Aufteilung des afrikanischen Kontinents durch die europäischen Großmächte in Berlin – veröffentlicht der Große Generalstab eine Kriegsgeschichtliche Abhandlung, die quasi als Manifest für einen weiteren Versuch im Kolonialisieren gelesen werden kann. Kleingeist und mangelnde Weitsicht sowie die Uneinigkeit der deutschen Staaten werden hier für den Untergang der einstmals glorreichen Bestrebungen der Kurbrandenburger angegeben.

Kolonialfestspiel

Einige Jahre später spricht der Leipziger Autor Wilhelm Henzen vom Theater als einer „Kunstkirche“ und sieht in seinem Stück „Grossfriedrichsburg“, zu dem er schon in den 1880er Jahren inspiriert wurde und es 1908 auf die Bühne brachte, ein Lehrstück für das Volk auf die Bühne. In dem Stück wird die Essentialität von Kolonien für das Deutsche Reich herausgestellt und der große Kurfürst, als mit väterlicher Hand herrschender Übervater der Deutschen dargestellt. Schwarze Menschen treten im Stück zuhauf auf, namentlich werden sie jedoch nicht erwähnt – das N-Wort hält als Platzhalter für die verschieden Menschen her, charakterisiert werden die auch als Hofbedienstete auftretenden schwarzen Menschen als clownartige, in unverständlichen Dialekten sprechende Wesen.

In ähnlicher Art und Weise zelebriert das Gedicht „Grossfriedrichsburg“ von 1900 die kolonialen Bestrebungen auf 107 Seiten elegischer Poesie. Der Kaiser wird hier angehalten in die Fußstapfen des Großen Kurfürsten zu treten und das, dem deutschen Volke zustehende Kolonialreich einzufordern.

Auch bei den Nationalsozialisten taucht die „Vorraussicht“ des großen Staatsmannes Friedrich I / des Großen Kurfürsten wieder auf. So hält die Geschichte Großfriedrichsburgs erneut als Prototyp exemplarischen deutschen Handels hin.

Bibliographie:

Großer Generalstab, Abteilung für Kriegsgeschichte. Brandenburg-Preußen auf der Westküste von Afrika 1681-1721. Berlin (1885). 1912 Leipzig: Voigtländer Verlag.

Henzen, Wilhelm. Großfriedrichsburg: Ein deutsches Kolonialfestspiel. Essen: Baedeker, 1908.

Vesten, Herrman. Großfriedrichsburg: Erzählendes Gedicht. Berlin: Verlag J. van Groningen, 1900.

Credits// Author: Elisabeth Nechutnys

 

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