Lokalpolitik und der Kampf gegen Rassismus in Potsdam

Im vergangenen Dezember fand in Potsdams Holländischem Viertel eine Sinterklaas Feier statt, die Zwarte Pieten Charaktere in Blackface involvierte. Obwohl die Veranstalter vorher wiederholt auf die Fragwürdigkeit dieser Praxis aufmerksam gemacht und Vorschläge für mögliche Alternativen an sie herangetragen wurden, weigerten sie sich davon abzulassen bzw. das ernsthafte Gespräch zu suchen. Es wurde jedoch bald deutlich, dass die lokale und internationale Kritik am Blackfacing ernst genommen werden und die Stadt Potsdam reagieren musste. In Folge der Proteste gegen diese umstrittene Tradition lud das Bündnis Potsdam bekennt Farbe, das für Toleranz, Gewaltfreiheit und ein friedvolles Miteinander steht, mehrere lokale Politiker_innen, die Veranstalter sowie Initiativen und Vereine, die diese rassistische Praxis verurteilen, ein. Gemeinsam sollen Lösungen gefunden werden. Wir begrüßten unsere Einladung an den Diskussionstisch sehr und das Interesse der Stadt Potsdam Rassismus zu thematisieren und eindeutig dagegen vorzugehen.

Leider haben bisher (Stand Juni 2015) weder Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs noch die Veranstalter des Sinterklaas Festes – der Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam e.V. – an den Diskussionen teilgenommen. Jakobs traf sich jedoch mit Mitgliedern von verschiedenen opponierenden Vereinen zu privaten Gesprächen. Trotz ihrer Abwesenheit, tauschten die anderen Akteure während der vergangenen Monate ihre unterschiedlichen, sehr zweiseitigen Meinungen aus. Das erklärte Ziel der Diskussionsrunden ist es Forderungen in Handlungen zu verwandeln, wobei es nach wie vor schwierig ist einen Konsens zu erreichen.

Einerseits gibt es Stimmen – zu denen auch wir gehören – die betonen, dass Rassismus ein historisch gewachsenes Phänomen ist, dessen Ursprung bis in die frühesten Tage des Kolonialismus zurückverfolgt werden kann. Damals diente Rassismus dazu bestimmte Menschen zu versklaven, sie auf einen nicht-menschlichen Status herabzuwürdigen und dient in Folge heutzutage immer noch als Garant für weiße Privilegien. Der Zwarte Piet Charakter, der tatsächlich als Diener des (weißen) Sinterklaas fungiert, ist ein klares Abbild von kolonial-rassistischer Machtausübung. Die rassistische Praxis des Blackfacing hat eine lange Tradition in Deutschland und wird trotzdem immer noch häufig für harmlos erklärt, mit der Begründung, dass keine bewusste Beleidung intendiert würde. Jedoch haben allein in den letzten Jahren mehrere Fälle von Blackfacing öffentliche Aufmerksamkeit bekommen und wurden zu recht stark für die verletzende Reproduktion von herabwürdigenden Stereotypen kritisiert: Günther Wallraffs schauspielerische Nachahmung eines Geflüchteten, eine Folge von „Wetten, dass…“, zu der weiße Menschen eingeladen waren sich als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zu verkleiden, eine ganze Reihe von veralbernden Karnevalskostümen, etc. – Blackfacing ist eine Form ‚race‘ zu inszenieren und gleichzeitig überhaupt erst herzustellen. Es ist gefährlich, wenn die einzigen öffentlichen Bilder von Schwarzen Menschen negativ, lachhaft und entwürdigend sind. Für ein weißes Publikum steht die Blackface Performance anstelle einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit Schwarz-sein.

Rassismus wird als Form von gesundem Menschenverstand und Alltagswissen ständig in verschiedensten Bereichen reproduziert: So ist er z.B. in Schulkurrikula verankert (in Geschichte oder Erdkunde wird immer noch von der „Entdeckung“ neuer Welten gesprochen, ganz so, als wären diese Gebiete zuvor unbewohnt gewesen). Rassismus ist eine sozial und kulturell verwurzelte Form von Diskriminierung, die heutzutage ihr hässliches Gesicht u.a. in Vorfällen von racial profiling, eingeschränktem Zugang zu Wohnraum für People of Color und medialer Repräsentation zeigt – oder eben im Fall von geblackfaceten Zwarten Pieten bei der Sinterklaas Feier in Potsdam. Um auf institutioneller Ebene einen Schritt in Richtung postkolonialer Gerechtigkeit zu machen, eine Politik der Anerkennung zu fördern und Gleichberechtigung an Stelle von Exklusion zu propagieren, fordern wir, dass öffentliche Veranstaltungen frei von Rassismus sein müssen und diese Vorgabe gesetzliche Verankerung findet.

Andererseits saßen einige Menschen mit uns am Gesprächstisch, die immer noch davon überzeugt zu sein scheinen, dass es schlimmer wäre die holländischen Gäste, die anlässlich des Sinterklaas Festes nach Potsdam kommen, vor den Kopf zu stoßen, indem man ihre Traditionen verändere, als diskriminierend gegen Potsdams eigene Schwarze Community oder Schwarze Besucher_innen zu handeln. Erklärungen, dass Traditionen niemals statisch sind, sondern sich konstant verändern und weiterentwickeln um den Ansprüchen einer sich ebenso verändernden Gesellschaft zu entsprechen, wurden wiederholt abgetan. Dem Fakt, dass sich das Sinterklaas Fest bereits in den letzten 150 Jahren stark verändert hat, wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt. Tatsächlich wurden aber alle Anspielungen auf körperliche Kinderbestrafung im Falle von schlechtem Benehmen aus der Mythologie der Feierlichkeiten gestrichen ohne dabei eine ähnlich heftige Reaktion wie im Falle des Blackfacing hervorzurufen oder diese Abkehr von der Ursprungsdarstellung als Affront gegen die Tradition zu bezeichnen.

Die vermeintliche Beleidigung der holländischen Gäste vernachlässigt den Einbezug der sehr diversen Meinungen in der niederländischen Diskussionskultur zum Thema. Auf diese Weise wird ein sehr einseitiges Bild von der niederländischen Gesellschaft gezeichnet, nämlich als antiquiert und homogen weiß, in vollster Befürwortung der Blackfacing Tradition. Zugegebenermaßen gibt es viele Niderländer_innen, die diese rassistische Tradition aufrechterhalten möchten, aber maßgebliche Stimmen der Schwarzen Community und weit darüber hinaus wenden sich eindeutig dagegen und haben die Diskussion auf allen gesellschaftlichen Ebenen geschürt. Daraus resultierend wurde der Auftritt der Pieten in Gouda bereits verändert und bei vielen Menschen, die zuvor nicht über die Wirkung des Blackfacing auf People of Color nachgedacht haben, wächst das Bewusstsein für die diskriminierende Natur derartiger Darstellungen.

Ein Argument, das Menschen scheinbar taub werden lässt für Gerechtigkeitsfragen, ist der wirtschaftliche Nutzen, den diese Veranstaltung Potsdam einbringt, sowie die Angst, dass die Veranstaltung ohne das Blackfacing gar nicht mehr stattfinden könnte. Diese Angst, wie Beispiele in den Niederlanden und auch in Suriname, Kanada und den USA gezeigt haben, ist völlig unbegründet. In den Diskussionen der vergangenen Monate und in einem Brief, den wir an die Veranstalter des Sinterklaas Festes geschickt haben, haben wir wiederholt deutlich gemacht, dass wir kein Interesse daran haben, das Fest abzuschaffen. Im Gegenteil, wir begrüßen interkulturelle Veranstaltungen. Wir kritisieren nur die Figur und Gestaltung der Zwarten Pieten. Diese Kritik wurde bisher leider nicht adäquat in den lokalen Medien wiedergegeben, sodass viele Potsdamer Bürger_innen den falschen Eindruck vermittelt bekommen, dass Aktivist_innen ihnen ihr schönes Fest nehmen möchte.

Wir kamen zu dem Schluss, dass die Diskussionen deutliche Unsicherheiten im Umgang mit Rassismus gezeigt haben und – hier nehmen wir uns die Freiheit ein paar Annahmen kund zu tun – dies liegt sehr wahrscheinlich daran, dass das nötige Wissen über Rassismus und möglicherweise sogar Empathie fehlt. Dies ist ansatzweise nachvollziehbar (aber keine Entschuldigung): Menschen, die die Norm repräsentieren, die ohne Frage Bürgerrechte genießen, die es gewohnt sind, dass ihnen zugehört wird, denen noch nie ein Job auf Grund ihres weißseins verwehrt wurde, etc. haben einfach noch nie erfahren, was es bedeutet rassistisch diskriminiert zu werden. Dementsprechend mussten sie noch nie ihre Privilegien hinterfragen, weil diese unsichtbar, da selbstverständlich für sie sind. Die Mechanismen von rassistischer Diskriminierung sind oft subtil und schwer aufzudecken. Ein paar Themen, die in den Diskussionen der letzten Monate immer wieder auftraten, waren z.B. die Frage danach wer Rassismus eigentlich definieren darf. Eine andere Frage war, ob die Intention einer Handlung oder ihre Wirkung wichtiger ist. Zudem scheint es einigen Menschen zu widerstreben dem Fakt, dass Blackfacing rassistisch ist, zuzustimmen.

Politische und kulturelle Gremien und Institutionen mussten Rassismus bereits intensiv thematisieren, zudem gibt es wissenschaftliche Definitionen, die, wenn sie als Basis für die Diskussionen in Potsdam herangezogen würden, sicherlich dazu beitragen könnten die Unsicherheiten im Umgang mit er Thematik zu reduzieren. Viele der Befürworter_innen eines traditionellen Sinterklaas Festes halten fälschlicherweise ihren persönlichen Glauben an Gleichheit und ihre Missbilligung rechter Unruhestifter und Neo-Nazis als Schutz gegen die Möglichkeit, selbst rassistische Praxen zu befürworten. Diese Menschen erkennen nicht, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, in das jede_r unweigerlich eingebunden ist. Doch sind weder Schuldgefühle noch Ablehnung förderliche Reaktionen. Wichtig wären ein Bewusstsein für diese Strukturen, die Rassismus konstant reproduzieren, und ein Wille, sie aktiv aufzudecken und letztendlich zu ändern.

Potsdam bekennt Farbe hat bei der letzten Bündnissitzung vorgeschlagen eine Veranstaltung zu organisieren, die der Frage nachgeht, ob Blackfacing rassistisch ist oder nicht, um das Interesse der Veranstalter des Sinterklaas Festes zurückzugewinnen. Wir denken, dass diese Art von Fragestellung für eine Veranstaltung mit einem hauptsächlich weißen Publikum, den Kern der vorgebrachten Kritik völlig verfehlt. Der Kritik von People of Color wird damit schlichtweg die Gültigkeit genommen und die elementare Frage von strukturellem Rassismus nicht behandelt.

Zu diesem Zeitpunkt ist noch unklar welche Form die Feierlichkeiten im Jahr 2015 annehmen werden. Wir hoffen, dass die Stadt Potsdam es deutlich ablehnen wird, Veranstaltungen, die rassistische und diskriminierende Praxen stärken, (finanziell) zu unterstützen. Wir befürworten jedoch von ganzem Herzen ein Sinterklaas Fest, das die Veränderungen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts thematisiert und sich selbst verpflichtet, die Überreste einer rassistischeren Zeit aus dem Weg zu räumen. Eine viel versprechende und positive Entwicklung, die die Diskussionen bisher hervorgebracht haben, ist ein bereits ausformulierter Vorschlag für eine juristische Klausel, die Veranstalter rechtlich dazu verpflichten würde, rassistisch diskriminierende Elemente aus ihren Veranstaltungen zu streichen. Die Stadt Potsdam hat ihr Interesse an dieser Klausel kundgetan, aber bürokratische Prozesse können allem Anschein nach nicht beschleunigt werden und sind für Aussenstehende schwer nachvollziehbar. Wenn jedoch diese Gesetzesänderung in Potsdam durchgebracht werden würde, könnte Potsdam sehr stolz auf sich sein. Die Stadt könnte mit so innovativen Schritten in Richtung sozialer Gerechtigkeit sogar ein Vorreiter für viele andere Städte werden!

Potsdam, möchtest du dafür bekannt sein, dass du deine Reichtümer teilweise rassistischen Veranstaltungen verdankst oder möchtest du für deine innovative Gesetzgebung und das tatsächliche Ausleben von Toleranz und Respekt bekannt sein?

 

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