Warum Worte wichtig sind

Sprache ist niemals unschuldig: Wörter sind keine objektiven Beschreibungen der Realität, tatsächlich schaffen sie Identitäten und Realitäten. Folglich kann Sprache diskriminieren, verletzen und ausschließen. (Verbale) Soziale Interaktion und Benennung reflektieren soziale Hierarchien und Machtkonstellationen, bestimmte Weltanschauungen und Ideologien. Peteet erklärt,
„[dass] Wörter, die Menschen, Orte, Ereignisse, Handlungen und Dinge beschreiben, kritische Bausteine in unserem linguistischen Repertoire sind. Bezeichnungen und ihre Bedeutungen bilden einen Teil unseres kulturellen Systems, welches die Art und Weise wie wir die Welt sehen, verstehen und imaginieren strukturiert und nuanciert. Als solche, sind sie immer mehr als einfache Reflexionen der Realität und verweisen auf eine moralische Grammatik die Macht ausdrückt und reproduziert“. (Peteet 2005: 153/154, Übers. AvR)
Ein solches Verständnis von Sprache und Repräsentation als mächtiges Werkzeug ist, so Cameron, ein eher neueres Phänomen. Über die letzten 50 Jahre hinweg ist ein Anerkennen des wirkungsvollen Einflusses von Sprache gewachsen:
Dies liegt teilweise an den (poststrukturalistischen und postmodernen) Theorien über Gesellschaft und Macht, für die eine post-1968er Generation von Intellektuellen eingetreten ist, die einen Schwerpunkt auf die Wirksamkeit von Sprache und Diskurs setzt; aber der turn to culture beschränkt sich nicht auf Intellektuelle, noch wird er von Erz-Konservativen gescheut, trotz ihrer unerbittlichen Ablehnung von trendigen postmodernen Theorien. Es handelt sich um eine politische Strategie in einer Gesellschaft in der unsere Haupt-Agendasetzer die Massenmedien sind. (Cameron 1995: 142, Übers. AvR)
Auch wenn sie unbewusst benutzt werden, Sprache und Repräsentationen dienen dazu effektiv soziale Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit zu kreieren. Manchmal sind Menschen derartig an die Nutzung von bestimmten Wörtern gewöhnt – es scheint völlig normal, und buchstäblich jede_r benutzt dieses Wort – dass es schwer ist, den historischen Kontext sowie die diskriminierende und ausschließende Wirkung zu verstehen und zu sehen. Derartige Unterdrückungsmechanismen können wahnsinnig subtil sein und sollten gerade deshalb intensiver im öffentlichen Diskurs behandelt werden. Diskussionen sollten nicht nur von denen begonnen werden, die in Opfer Positionen gedrängt und benannt werden, sondern solidarisch von privilgierteren Menschen unterstützt werden. Dennoch sollte immer genug Raum für jede_n bestehen, für sich selbst zu sprechen und sich selbst definieren zu dürfen.
Eine Reaktion auf diese komplizierte Situation entstand bereits in den späten 1960er Jahren eine Bewegung in Richtung Political Correctness (PC), welche u.a. die Eliminierung von diskriminierenden Begrifflichkeiten forderte. PC Verhalten spielt eine zentrale Rolle im öffentlichen Diskurs, aber PC wird natürlich auch in Bezug auf (Alltags-)Sprache stark diskutiert (cf. Greil 1998: 1). Egal was eine Person sagt, es handelt sich immer um die Verbalisierung von Gedanken, deshalb verlangt PC Verhalten einen bewussten Umgang mit Wörtern. „Political Correctness und linguistische Vorschriften werden beschrieben als Teil einer Tabuisierung von Verhaltensweisen“ (Burridge und Allan 2006: 1, Übers. AvR), was bedeutet, dass bestimmte Ausdrücke aus unseren Köpfen gestrichen werden sollten. „Politisch korrekte Sprache spiegelt sozialen Wandel wieder und versucht ihn durchzusetzen“ (Burridge/Allan 2006: 90), indem sie Bewusstsein bei Menschen schafft. Es handelt sich um eine von vielen Strategien, um einer gerechteren Gesellschaft entgegen zu steuern, die zudem immer wieder neu diskutiert und verhandelt werden muss.
Bibliographie
Burridge, Kate and Keith Allan (2006). Forbidden Words. Taboo and the censoring of Language. Cambridge: Cambridge University Press.
Cameron, Deborah. 1995. Verbal Hygiene: The Politics of Language. New York: Routledge.
Greil, Tanja (1998). Political Correctness und die englische Sprache. Studien zu (nicht-)diskriminierendem Sprachgebrauch unter besonderer Berücksichtigung des Social Labeling. Hamburg: Verlag Dr. Kovač.
Peteet, Julie (2005). “Words as Interventions: Naming in the Palestine – Israel Conflict”. In: „Third World Quarterly, Vol. 26, No. 1. pp 135 – 172.

Credits// Autorin: Anna von Rath.
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