Ein Gespräch mit Alfred Hagemann von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Wir trafen Alfred Hagemann um mit ihm über die Statuen Schwarzer Menschen im Park Sanssouci zu sprechen. Hagemann studierte Kunstgeschichte, Anglistik/Amerikanistik sowie Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin, der TU Berlin und der Universität Halle (Saale). Danach war er 2001 in Großbritannien in der Denkmalpflege tätig. 2005 legte er seine Doktorarbeit mit dem Titel Wilhelmine von Lichtenau – zur Rolle der Auftraggeberschaft im Berliner Frühklassizismus vor. Seither ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

Die Debatte über die Umbenennung des Rondells mit schwarzen Figuren wurde größtenteils ohne die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten geführt, deren Aufgabe es ist, die Kulturgüter zu bewahren, aber auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Sprecher der Stiftung, der darauf hinweist, dass es sich bei dem Namen des Rondells um einen historischen Begriff handelt, wird in den Artikeln der Märkischen Allgemeinen Zeitung erwähnt, sonst wurde die Stiftung nicht aktiv in die Debatte mit einbezogen. Alfred Hagemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung, sieht die Debatte jedoch als Anstoß, um sich zu positionieren und als Chance den Park zu erklären.

Um den Park Sanssouci besser zu verstehen, ist erst einmal wichtig, dass einem bewusst wird, dass ein Park eben nicht nur ein Garten, ein bloßes Stück Natur, sondern ein künstlich angelegter Ort ist, der zur Erinnerung dienen und in diesem besonderen Fall zudem symbolisch für Zivilisation und Produktivität stehen soll.

Hagemann erklärt, dass das Rondell mit den schwarzen Figuren sich auf einer Achse befindet, die einen Zeitstrahl der Zivilisation darstellt. Den Anfang macht der ägyptische Obelisk, welcher die ägyptische Zivilisation symbolisiert, die darauf folgenden Statuen, stehen für die antike römische und griechische Zivilisation. Danach kommt man zu dem Rondell mit den vier schwarzen Figuren, die zu Büsten römischer Kaiser aufblicken und den Menschen in einem „zurückgefallenen“ Naturzustand abbilden sollen. Geht man weiter, folgt das Oranierrondell . So zeigt der Weg von dem Obelisk bis zum Neuen Palais, dass Zivilisation kein Prozess ist, der sich immer nur deutlich voran bewegt, sondern in Wellenbewegungen verläuft. Zivilisationen gehen auch wieder unter, bevor neue entstehen. Von dem Rondell mit den schwarzen Figuren gehen keine anderen Wege ab, im Gegensatz zu den anderen Rondellen und Denkmälern verläuft der Weg von hier aus nur vor oder zurück. Beide Male in die Richtung westlicher Zivilisationen, in die Antike oder zu den Oraniern.

Park Sanssouci

Park Sanssouci

Hagemann äußert die Vermutung, dass die vier schwarzen Skulpturen sicherlich gewählt wurden, weil die Europäer den gesamten afrikanischen Kontinent damals als unzivilisiert und rückständig ansahen. Allerdings standen die Bewohner_innen Brandenburgs aus Sicht Friedrichs zivilisatorisch durchaus nicht „höher“ als die Menschen in Afrika. Aus diesem Grund hatte er auch kein Interesse an Kolonialbesitz, weil er meinte, dass die Brandenburger erst einmal selbst zivilisiert werden müssten, bevor sie in andere Länder fahren könnten, um dort Zivilisation und Fortschritt zu predigen. Tatsächlich wurden die Figuren gar nicht speziell für dieses Rondell hergestellt, sondern bereits 100 Jahre zuvor von Friedrichs Urgroßvater erworben, der in Kolonialisierung involviert war und die Skulpturen in Italien hauen ließ. Die genaue Entstehung der Figuren ist unbekannt, man weiß weder nach wessen Vorbild die Büsten hergestellt wurden noch wo sie standen bevor sie im Park positioniert wurden.

Obwohl Friedrichs Intentionen andere waren als die seines Urgroßvaters hat es dennoch klar rassistische Züge den afrikanischen Kontinent als ein homogenes Ganzes zu betrachten und seine diversen Bewohner_innen als monolithischen, essentialisierten ‚Other‘ darzustellen, um den Wert von Zivilisation zu verdeutlichen. Obwohl Friedrich nicht direkt an Kolonialisierung interessiert war, dient der Park dennoch dazu seine Macht und seine politischen Ideen darzustellen. Der Park hat heute allerdings eine ganz andere Bedeutung und Funktion als noch im 18. Jahrhundert. Dies  zeigt, dass historischer Kontext und eine Antwort auf die Frage, warum es sinnvoll ist, dass diese Figuren noch gezeigt werden, wichtig sind.

Sanssouci

Sanssouci

Die koloniale Vergangenheit Preußens wird im Vergleich zur Militärgeschichte weniger diskutiert, doch die Stiftung erkennt die Relevanz an. Nichtsdestotrotz müssen zunächst einige Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Hagemann erwähnt, dass die Stiftung sich mit dem Problem konfrontiert sieht, wie man den Park erklären kann ohne ihn durch einen Schilderwald kaputt zu machen. Es zeigt sich an der Debatte um das Rondell, dass es nicht reicht zu sagen, dass es einfach Kunst ist und deshalb unproblematisch. Zudem macht sich die Stiftung Sorgen, dass ein expliziter Umgang Themen wie Macht und Gewalt Parkbesucher_innen abschrecken könnte. Es bleibt eine schwierige Herausforderung aktiv daran zu arbeiten die Kolonialgeschichte mit ihren Nachwirkungen für die Öffentlichkeit sichtbar und verständlich zu machen.

Credits// Interviewter: Alfred Hagemann. Interviewer: Lina Fricke, Elisabeth Nechutnys, Anna-Lena Stahl and Paula Seemann. Photos: Elisabeth Nechutnys.

 

 

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