Brandenburgs Verbindung zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands

Wenn man die Begriffe Kolonialismus und Preußen gemeinsam hört, denkt man nicht unbedingt an das Jahr 1681 und die Atlantikküste des heutigen Ghana. Vielmehr stehen Großmachtphantasien des preußisch dominierten, neu gegründeten Deutschen Reiches im kollektiven Gedächtnis auf Abruf bereit. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es Fragestellungen und Verarbeitungen in Bezug auf die Kolonialgeschichte zwischen 1884/1885 („Kongokonferenz“ in Berlin) und 1919 (Versailler Vertrag und ‚Verlust’ der deutschen Kolonien) sind, die die Arbeit von Aktivistinnen, Historikerinnen, Künstlerinnen und anderen dominieren.

Dass es sich lohnt und sogar von elementarer Notwendigkeit ist, sich mit der Kolonialgeschichte Brandenburgs, die vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz offensichtliche Spuren hinterlassen hat, zu beschäftigen, zeigen u.a. aktuelle Debatten in der Stadt Potsdam rund um das Rondell Schwarzer Figuren im Park Sanssouci. Die von Medien- und Stadtpolitikerseite gezeigte Ignoranz und mangelnde Sensibilität gegenüber Fragen zu kolonialer Vergangenheit, Verwendung von Sprache und Relevanz der Hinterfragung als Wahrheit geltender Geschichte(n) ist erschreckend, lässt sich aber leider gleichzeitig auf viele Debatten rund um Kolonialismus und Rassismus in Deutschland übertragen.

Eine Herausarbeitung und das ins Gedächtnisrufen von Geschichte(n), Episoden und Ereignissen aus der (brandenburgischen) Vergangenheit, vor allem auch aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive, scheint uns ein wichtiger Schritt, um Debatten anzuregen und den Post-Kolonialismusdiskurs in Brandenburg zu stärken.

Der lebhafte Anteil, den die Nation neuerdings den zukunftsreichen Unternehmungen entgegenbringt, die eine kraftvolle, zielbewusste Staatskunst auf überseeischem Gebiete einzuleiten verstand, hat vielfach die Erinnerung zurückgelenkt auf jene Zeiten, in denen die brandenburgisch-preußische Flagge von den Wällen stattlicher Festungswerke auf der Westküste Afrikas wehte.Der historische Sinn, der mit pietätsvollem Eifer die Spuren und Fäden verfolgt, die Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen, findet in jenen Unternehmungen, die der große Kurfürst mit weitem staatsmännischen Blick und mit entschlossener Ausdauer vor 200 Jahren ins Leben rief, verheißungsvolle Mahnung, ein Werk von neuem zu beginnen, das damals lediglich an der politischen Ungunst der Zeiten und an der Kleinlichkeit der staatlichen Zustände Deutschlands zugrunde ging. (aus Brandenburg-Preußen auf der Westküste von Afrika 1681 bis 1721, verfaßt von Großen Generalstabe Abteilung für Kriegsgeschichte, 1885)

Mit diesen Worten beginnt ein im Jahre 1885 (dem Jahr der sogenannten Kongokonferenz, auf der Afrika unter den europäischen Herrschenden aufgeteilt wurde), veröffentlichtes Quellenbuch des Großen Generalstabs. Das koloniale Bestreben des ausgehenden 19. Jahrhunderts und seine Bedeutung für den Nationalstaat wird hier auf dem Fundament der 200 Jahre vorher etablierten Brandenburg-Preußischen Unternehmungen an der Westküste Afrikas gebaut.

Dieses Fundament beginnt mit der Gründung der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie (BAC) 1680 und dem der Kurbrandenburgischen Marine ab 1676 Form anzunehmen. Schon vor und während des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges (1674-1679) begann der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm mit dem Aufbau einer hochseetüchtigen Kriegsflotte. Dabei war es vor allem der niederländische Unternehmer Benjamin Raule (1634-1707), dem es oblag, die Flotte aufzubauen. Bis 1680 schaffte er es, die kurbrandenburgische Flotte mit 28 Kriegsschiffen auszustatten, die sich u.a. Gefechte mit spanischen Schiffen lieferte und von Zeit zu Zeit recht erfolgreich deren Schiffe kaperte. Benjamin Raule, der später in Ungnade fiel, ist noch heute im Berliner Stadtbild präsent, da das Schloss Friedrichsfelde im heutigen Tierpark Berlin von ihm errichtet wurde.

Raule war es, der 1680 die erste Expedition nach Afrika mit eigenem Kapital finanzierte und den Kurfürsten überzeugte, nach holländischem Vorbild, Handelsexpeditionen auszusenden und Stützpunkte zu etablieren. Die Fregatte „Morian“ erreichte die Guineaküste im Januar 1681 und im Verlauf der Expedition wurde ein erster Handelsvertrag mit drei ortsansässigen Ahanta abgeschlossen. Dieser Vertrag sah vor, einen Handelsstützpunkt und eine Befestigungsanlage auf dem Gebiet der Ahanta, an der heutigen Küste Ghanas, zu etablieren. Der Handel an der Westküste Afrikas wurde vor allem mit Gold, Pfeffer, Elfenbein und auch mit Menschen getätigt. Mit diesem Stützpunkt sowie mit der Anmietung von St. Thomas, einer karibischen Antilleninsel, der sich die Dänen bemächtigt hatten, trat Brandenburg nun in den Dreieckshandel mit Sklaven zwischen Europa, Afrika und den Amerikas ein. Schätzungen über das Ausmaß des Handels mit Menschen in den Jahren zwischen 1680-1717 belaufen sich zwischen 15.000 und 24.000 Personen, die auf 124 Handelsfahrten zwischen den Kontinenten zwangsweise verschifft wurden. Dabei geht man davon aus, dass 10-15% der menschlichen ‚Ladung’ die Verschleppung und den Transport nicht überlebten. Schon auf der ersten Fahrt gab der Kurfürst selbst eine Bestellung für den kurfürstlichen Hof über exotische Tiere, wie Papageien und Affen, und Schwarze Sklaven, die als Hofdiener tätig werden sollten, auf.

Nachdem die erste Reise und vor allem der abgeschlossene Vertrag als Erfolg gefeiert wurden, kam es 1682 zur Gründung der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie, der ersten deutschen Aktiengesellschaft. Unter dem Kommando von Otto Friedrich von der Groeben, zu dessen ‚Ehren‘ bis 2009 das „Gröbenufer“ in Berlin-Kreuzberg benannt war, das nun den Namen der Schwarzen deutschen Aktivistin und Dichterin May Ayim trägt, schiffte man 1682 ein und gründete am 1. Januar 1683 mit feierlicher Zeremonie und sowie dem Hissen der brandenburgischen Flagge die Siedlung Groß-Friedrichsburg an der heutigen Küste Ghanas. Mit den ortsansässigen, einheimischen Nachbarn wurde rege gehandelt und in den kommenden Jahren entstanden bis 1685 weitere Siedlungen an dem 30km langen Küstenstreifen. Ständige Scharmützel, Kaperungen und gewalttätige Übergriffe anderer europäischer Kolonisatoren und Händler aus den Niederlanden und England, Piraten sowie ortsansässiger Gruppen machten den Brandenburgern zu schaffen. Ein gewinnbringender Handel war aufgrund des Verlustes von Ladung und Schiffen und u.a. durch die gesundheitliche Beeinträchtigung der abgestellten Soldaten nicht dauerhaft möglich.

Nach dem Tod des Großen Kurfürsten 1688, der ein besonderes Faible für den Seehandel gehabt hatte, führte sein Sohn, Kurfürst Friedrich III. – ab 1701 König Friedrich I. von Preußen – das Unternehmen Kolonialhandel weiter. Da er aber kein wirkliches Interesse an der Kolonie hatte und sich vielmehr auf die Binnenkolonisation des neu entstandenen Königreiches konzentrierte, verlor die Kolonie weiter an Bedeutung. 1717 und 1720 wurden die afrikanischen Kolonien Brandenburgs schließlich an die Niederländisch-Westindische Compagnie verkauft und die kolonialen Bestrebungen Preußens fanden vorerst ein Ende.

Kurbrandenburg Fleat (Bildarchiv Frankfurt)

Kurbrandenburg Fleat (Bildarchiv Frankfurt)

Die Kolonie spielt aufgrund ihrer Größe, dem Ausmaß des Handels im Vergleich zu den Kolonialmächten Portugal, Spanien, England und den Niederlanden und der kurzen Periode ihrer Existenz keine Rolle in der Erinnerungslandschaft der Deutschen. Auch aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive ist die Kolonie, nach Sichtung und Einordnung der vorhandenen Quellen, von geringer Bedeutung. Wie am „Gröbenufer“ und den Diskussionen um seine Umbenennung, dem Rondell im Park Sanssouci und seiner Entstehung sowie der Wiederaufnahme und Bezugnahme auf die Kolonialbestrebungen durch den Generalstab 1885 sichtbar wird, sind die Umstände und der Widerhall des oft als Kolonialexperiment der Kurbrandenburger dargestellten Bestrebens an der Westküste Afrikas bei weitem noch nicht ausreichend diskutiert und in Beziehung gesetzt worden. Wir hoffen mit unserem Projekt das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit Brandenburgs zu schärfen. Das Rondell mit den schwarzen Figuren im Park Sanssouci in Potsdam ist nicht das einzige Symbol für diese Vergangenheit. Es gibt viele Punkte, an denen die Vergangenheit deutlich wird. Brandenburg/Potsdam sollte sich nicht nur dieser historischen Überbleibsel/Monumente bewusst sein, sondern auch in Diskussionen um Umbenennungen oder Forderungen nach Gedenktafeln offener sein und den Einfluss der Vergangenheit auf die Gesellschaft der Gegenwart überdenken.

 

Credits// Author: Elisabeth Nechutnys.

 

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